Eigenverantwortung – ein Begriff, der polarisiert. Für manche steht er für Klarheit und innere Stärke. Für andere klingt er nach Kälte, nach Selbstbezogenheit, nach: Ich zuerst – und der Rest kann sehen, wo er bleibt. Genau dieses Missverständnis möchte ich heute aufgreifen. Denn ich glaube, es hält viele Menschen davon ab, einen wirklich wichtigen Schritt zu gehen.
Wer so viel über sich selbst nachdenkt, wer sein Leben so konsequent in die eigene Hand nimmt – ist der nicht einfach nur mit sich selbst beschäftigt? Ist der womöglich sogar egoistisch unterwegs?
Ich kenne diesen Gedanken – ich habe ihn selbst gedacht.
Eigenverantwortung klingt erst mal nach: Ich zuerst. Mein Weg. Meine Entscheidungen. Und wer so redet, dem wird schnell unterstellt, dass er einen zu großen Fokus auf sich und nicht auf sein Umfeld oder die Allgemeinheit legt.
Das ist nachvollziehbar. Denn viele von uns sind mit der Idee aufgewachsen, dass Fürsorge gleichbedeutend damit ist, sich aufzuopfern. Dass du ein guter Mensch bist, wenn du dich selbst zurückstellst. Dass Selbstlosigkeit eine Tugend ist – und Selbstbezogenheit ihr Gegenteil.
Aber stimmt das wirklich?
Egoismus und Eigenverantwortung – das ist nicht dasselbe
Egoismus bedeutet: Ich auf Kosten anderer. Ich nehme, was ich benötige – egal, was das für dich bedeutet.
Eigenverantwortung bedeutet etwas anderes: Ich kümmere mich um mich – damit ich nicht zur Last werde. Damit ich aus der eigenen Stärke heraus etwas geben kann, nicht aus Erschöpfung oder Routine.
Das ist kein Rückzug aus der Gemeinschaft. Es ist die Voraussetzung dafür, überhaupt etwas beitragen zu können. So ist zumindest mein Verständnis, wenn ich über Eigenverantwortung nachdenke.
Was passiert, wenn die Basis fehlt?
Ich habe Phasen gekannt, in denen ich auf Reserve gefahren bin. Innerlich unruhig, nicht in meiner Mitte, sondern neben mir. Und genau in diesen Phasen hatte ich selten wirklich die Kraft, anderen noch etwas zu geben. Ich war zwar körperlich anwesend – aber meine Energie floss komplett in mich selbst, nur um mich mehr oder weniger aufrechtzuerhalten. Und das waren nicht Tage, das waren Wochen, in denen ich mich so fühlte.
Und daher habe ich die Erfahrung gemacht: Wer selbst schwankt, der kann niemanden stützen. Es fehlt die Kapazität, über die eigene Stabilisierung hinaus noch für andere wirklich da zu sein.
Erst die eigene Stabilität – dann der Beitrag
Erst wenn ich selbst in mir zentriert bin, meine Kraft wieder spüre und aufhöre, ständig gegen mich selbst zu kämpfen, dann kann ich abgeben. Weil ich dann klar bin. Weil ich weiß, wer ich wirklich bin, wofür ich stehe, wo mein Kompass liegt. Weil ich dann mit beiden Beinen auf dem Boden stehe und gelernt habe, mich selbst zu stabilisieren. Dann habe ich etwas, das ich wirklich geben kann. Aufmerksamkeit. Geduld. Präsenz. Einen Gedanken, der jemandem weiterhilft.
Und genau da liegt für mich der Kern: Eigenverantwortung ist nicht das Ende der Verbindung zu anderen. Sie ist der Anfang davon.
Es geht hier überhaupt nicht darum, die Welt retten zu wollen – das ist ein zu großes Bild. Aber in dem Kreis, in dem du lebst – deine Familie, deine Freunde, deine Nachbarn oder deine Umgebung –, da gibt es immer wieder Momente, in denen du etwas beitragen kannst. Etwas Kleines, das trotzdem wirkt.
Und diesen Beitrag leistest du besser, wenn du weißt, wer du bist.
Wann hast du zuletzt etwas für jemanden getan – nicht weil du musstest, sondern weil du konntest?
Aus Fülle. Aus Freude. Nicht aus Pflicht.
Wenn du diesen Unterschied kennst, weißt du auch, warum Eigenverantwortung kein Egoismus ist.
