Wir lernen von Anfang an.
In der Schule, im Beruf, in Beziehungen. Wir lernen, wie die Welt funktioniert, wie man Dinge macht, wie man sich verhält und wie man sich in ihr zurechtfindet.
Wir lernen durch Bücher, Seminare und Weiterbildungen. Aber auch durch Erfahrungen, Fehler und manchmal durch schmerzhafte Umwege.
Und irgendwann stellt sich vielleicht eine ganz andere Frage:
Was habe ich durch all das eigentlich gelernt?
Nicht nur: Was weiß ich heute mehr als früher?
Sondern:
Wer bin ich durch all das geworden?
Denn vielleicht ist Lernen etwas ganz anderes, als wir es meistens verstehen.
Vielleicht geht es im Leben gar nicht darum, immer mehr Wissen anzusammeln, immer mehr zu verstehen und immer neue Fähigkeiten zu erwerben.
Vielleicht geht es um etwas viel Tieferes.
Natürlich dürfen wir unser Leben lang auch mit dem Verstand lernen. Ohne ihn würden wir uns in dieser Welt kaum zurechtfinden. Wir brauchen ihn, um Zusammenhänge zu erkennen, Entscheidungen zu treffen und uns in unserem Alltag zu orientieren.
Aber vielleicht ist der Verstand nicht der Selbstzweck, zu dem wir ihn manchmal machen, sondern vielmehr ein Werkzeug, das uns hilft, unsere Gedanken und unsere Gefühle zu verstehen und Zugang zu dem zu finden, was tiefer in uns verborgen ist.
Auch diese Verbindung dürfen wir meiner Meinung nach schulen.
Denn vielleicht geht es beim Lernen gar nicht in erster Linie darum, immer mehr zu wissen.
Vielleicht geht es darum, das Leben zu lernen.
Die Interaktion mit anderen Menschen. Den Umgang mit uns selbst. Unsere Entscheidungen. Unsere Gedanken und Worte. Unsere Wahrnehmungen und unsere Gefühle. Und vor allem: unser eigenes Bewusstsein.
Geht es womöglich darum, uns von einem unbewussten zu einem bewussteren Menschen zu entwickeln?
Zu einem Menschen, der sich selbst immer besser erkennt. Der um die Kraft seiner Gedanken und Worte weiß. Der beginnt zu verstehen, welchen Gesetzmäßigkeiten unser Leben folgt – und der diese Erkenntnisse nicht nur kennt, sondern auch auf sein eigenes Leben anwenden kann.
Kann es vielleicht das sein, was wir auf unserer Reise durch dieses Leben erkennen und lernen dürfen?
Doch dafür gibt es keinen Lehrplan.
Ganz im Gegenteil.
Es ist ein zutiefst individueller Weg, der von unzähligen Einflüssen geprägt wird.
Zum einen von dem, was ich als mein persönliches Lebensziel oder meinen Seelenauftrag empfinde. Von dem übergeordneten Plan, mit dem ich vielleicht in dieses Leben gekommen bin.
Und dieser Weg muss nicht derselbe sein wie der meines Partners, meiner Eltern oder meiner Kinder.
Ich glaube, genau darin liegt bereits ein großes Lernfeld:
Zu erkennen, dass jeder Mensch seinen eigenen Weg hat.
Vielleicht beginnen wir erst dann, mit einer gewissen inneren Distanz auf unsere Mitmenschen zu schauen. Und vielleicht verstehen wir dann auch, dass wir hier nicht die Aufgabe haben, das Leben anderer Menschen zu leben, sie zu retten oder ihnen ihren Weg abzunehmen.
Unsere Aufgabe könnte viel einfacher sein:
Uns um uns selbst zu kümmern.
Nicht aus Egoismus.
Sondern aus Verantwortung.
Mein Weg ist nicht dein Weg.
Aber lernen dürfen wir alle.
Vielleicht besuchen wir dabei unterschiedliche „Schulklassen“ – mit unterschiedlichen Themen, unterschiedlichen Herausforderungen und unterschiedlichen Möglichkeiten zu wachsen.
Deshalb ist Lernen auch nicht für jeden Menschen dasselbe.
Einfach, weil jeder von uns einzig ist.
Und auch das Lerntempo ist unterschiedlich.
Manche beginnen schon als Kind, sich größere Fragen über das Leben zu stellen und den eigenen Weg zu gehen. Andere beginnen erst sehr viel später damit. Manche vielleicht erst dann, wenn etwas in ihrem Leben nicht mehr so funktioniert wie bisher und die alten Antworten nicht mehr tragen.
Und einige beginnen vielleicht gar nicht erst, diesen Weg bewusst zu gehen.
Wenn ich davon ausgehe, dass wir nicht zufällig hier sind, dann kann auch das Teil einer Erfahrung sein, die eine Seele für diese Inkarnation gewählt hat. Und dann darf das sein. Denn es liegt nicht in meiner Verantwortung, das zu bewerten.
Vielleicht geht es also gar nicht darum, wie viel wir gelernt haben.
Nicht darum, wie viele Bücher wir gelesen, Seminare wir besucht oder Zertifikate wir gesammelt haben.
Vielleicht ist die entscheidende Frage am Ende eine ganz andere:
Wer bin ich durch all das geworden?
Bin ich bewusster geworden?
Bin ich freier geworden?
Übernehme ich mehr Verantwortung für mein eigenes Leben?
Kann ich andere Menschen ihren Weg gehen lassen, ohne ihn emotional zu meinem zu machen?
Und kann ich immer mehr erkennen, was wirklich meines ist?
Vielleicht zeigt sich unser eigentliches Lernen also nicht darin, was wir alles wissen.
Sondern darin, wie wir mit unserem Leben umgehen.
Mit uns selbst. Mit anderen Menschen. Mit unseren Entscheidungen. Mit dem eigenen Weg.
Vielleicht ist genau das das Lernen, von dem wir sagen, dass wir es unser Leben lang dürfen.
Nicht mehr Wissen.
Sondern mehr Bewusstsein.
Und vielleicht beginnt genau dort Orientierung.
