Was mich an anderen stört, sagt mir etwas über mich

Es gibt Begegnungen, die uns nicht loslassen. Nicht weil der andere so schwierig ist – sondern weil sie uns etwas zeigen. Über uns selbst. Etwas, das wir vielleicht noch gar nicht sehen wollten. Wir alle kennen dieses Muster: Den Fehler beim anderen sehen wir sofort. Den eigenen – kaum.

Du kennst es bestimmt auch: Du triffst auf jemanden, und es gibt da etwas, was dich an diesem Menschen stört. Vielleicht ist es die Art, wie er von sich erzählt, wie er sich darstellt oder einfach nur, wie er auftritt.

Eigentlich ist es vollkommen egal – aber es lässt dich einfach nicht los. Du regst dich auf, du denkst womöglich noch viel zu lange über diese Begegnung nach. Sie macht etwas mit dir und du verstehst nicht, was.

Ich habe das lange nicht verstanden. Warum stört mich etwas an einem Menschen so sehr? Warum reagiere ich manchmal innerlich so stark auf bestimmte Verhaltensweisen?

Bis ich auf einen Gedanken gestoßen bin, der mich zuerst irritiert und dann nachdenklich gemacht hat:

Was uns an dem anderen stört, das kennen wir in uns selbst, auch wenn wir es bislang noch nicht bemerkt haben.

Der Teil von uns, den wir nicht sehen wollen

Der Psychologe Carl Gustav Jung nannte es den Schatten. Es ist der Teil von uns, den wir partout nicht sehen wollen. Den wir deshalb auch vor langer Zeit schon gut weggepackt haben. Der uns aber dennoch begleitet und der sich gelegentlich zeigen will.

Wir alle haben diesen Schatten. Es sind Eigenschaften, Gefühle, Impulse, die wir nicht zeigen wollen. Die wir verdrängt haben. Die wir vielleicht schon seit der Kindheit gelernt haben, zu verstecken. Die nicht in das Bild passen, das wir selbst von uns haben. Die wir einfach nicht akzeptieren.

Und so schieben wir sie weg. In den Keller, dahin, wo wir nicht hinsehen müssen – aus unserem Blickfeld heraus.

Doch so sehr wir sie vergraben – sie verschwinden nicht.

Warum uns andere so triggern

Und hier wird es interessant. Denn was wir in uns nicht sehen wollen – das sehen wir nun plötzlich in anderen. Und das nannte Jung die Projektion.

Einfach gesagt: Eigenschaften, die wir in uns selbst nicht wahrhaben wollen, begegnen uns immer wieder einmal im Außen. In anderen Menschen.

Nicht absichtlich. Nicht bewusst. Es passiert einfach.

Wenn dich jemand zum Beispiel mit seiner exaltierten Selbstdarstellung triggert: Könnte es womöglich sein, dass du dir bisher etwas nicht erlaubt hast, was dieser Mensch einfach lebt? Wie ganz selbstverständlich – nur du hast dir das dein Leben lang nicht gestattet?

Vielleicht bist du gereizt, weil dir jemand zu passiv erscheint. Wo kommt diese negative Emotion her? Frage dich das einmal: Vielleicht stehst auch du an einem Punkt, an dem du einfach nicht in die Gänge kommst – und du weißt genau, dass du es dringend tun solltest?

Das ist unbequem. Das ist herausfordernd. Ich kenne das gut.

Als ich das zum ersten Mal wirklich verstanden habe, da war mein erster Impuls: Nein. Das stimmt nicht. Das bin nicht ich. Ich wollte nicht hinsehen und diese Projektion auch nicht zulassen.

Genau das ist der Moment, wo es anfängt, uns zu nützen.

Der andere ist nicht das Problem

Denn wir dürfen eines verstehen: Der andere ist nicht das Problem. Er war nie das Problem. Er ist nur der Spiegel.

Und Spiegel lügen nicht.

Was uns an anderen stört, das erzählt uns viel mehr über uns selbst. Was uns an anderen fasziniert – übrigens auch.

Auch hier gilt: nicht im Außen suchen, sondern im Innen finden.

Das ist keine Schwäche. Das ist eine Einladung.

Eine Einladung, hinzuschauen. Ehrlich. Ohne Urteil.

Denn wer seinen Schatten kennt, der wird freier. Der befreit sich von Glaubenssätzen, und von Vorstellungen, die ihn eingeengt haben. Nicht weil er perfekt wird. Sondern weil er sich selbst besser versteht.

Und wer sich selbst versteht, der lässt sich auch nicht mehr so leicht aus der Mitte bringen.

Hinschauen statt kämpfen

Viele denken: Wenn ich meinen Schatten erkenne, dann muss ich ihn loswerden. Bekämpfen. Überwinden.

Doch das Gegenteil ist hier richtig.

Der Schatten will bewusst angeschaut werden. Angenommen werden. Integriert werden.

Denn solange er im Dunkeln bleibt, steuert er dich. Unbewusst. Leise. Aber wirkungsvoll.

Er zeigt sich in deinen Reaktionen. In deinen Urteilen über andere. In den Momenten, in denen du dich selbst nicht erkennst.

Sobald du ihn aber siehst – verliert er seine Macht.

Dein Schatten ist kein Feind. Er ist ein Teil von dir, der gesehen werden will.

Und wer anfängt hinzuschauen, der wird freier. Nicht perfekter. Freier.

Das ist der Weg.

„Bis du das Unbewusste bewusst machst, wird es dein Leben lenken und du wirst es Schicksal nennen.“