Kennst du das Gefühl, dass du etwas weißt – aber lieber nicht genauer hinschaust? Ich kenne es gut. Lange Zeit war Verdrängen meine bevorzugte Strategie. Nicht aus Faulheit – sondern weil Hinsehen unbequem ist. Bis ich eines Tages merkte: Was ich nicht sehe, verschwindet nicht. Es wartet nur.
Auf meiner Reise in ein bewussteres Leben begann ich zunächst, genauer hinzusehen. Ich schaute mir Themen an, die ich zuvor ausgeblendet hatte – weil sie mich nicht interessierten, weil sie mein Bild von der Realität infrage stellten oder vielleicht auch aus Bequemlichkeit. Doch warum habe ich meine Einstellung geändert?
Ich erkannte, dass ich recht naiv durch die Welt gelaufen war und darüber hinaus die Verantwortung für mein Leben abgegeben hatte. Es wurde Zeit, etwas zu verändern. Zunächst aus einem Impuls heraus, später als bewusste Entscheidung. Dazu gehörte auch, mir Wissen über unterschiedlichste Themen anzueignen, mich auf die Suche nach der Wahrheit zu begeben und meine Fähigkeit zur Unterscheidung zu schulen. Die Fähigkeit, selbst zu urteilen, eigenständig zu denken, neugierig zu sein und auch andere Meinungen gelten zu lassen. Es ging darum, den eigenen Kompass wieder zu aktivieren und ihn als Leitstern für das eigene Leben zu nutzen.
Denn dieser innere Kompass war lange Zeit nicht wirklich aktiv. Vieles, was nicht in mein Weltbild passte, habe ich einfach verdrängt. In der Hoffnung, es möge wieder verschwinden. Doch das funktionierte nicht, denn eines Tages stand all das, was ich nicht sehen wollte, wieder vor mir und ließ sich nicht länger wegignorieren.
Daraufhin bleibt mir nur eins: Hinsehen, hervorholen und mich damit mehr oder weniger auseinanderzusetzen.
Wenn wir beginnen, die Welt mit anderen Augen zu sehen, dann erkennen wir plötzlich viel mehr. Wir hinterfragen, informieren uns umfassender, denken eigenständig und lernen dazu. Ein Thema kommt zum anderen und ehe man sich versieht, wird man zu einem „Wahrheitssuchenden“, der versucht, all das nachzuholen, was bisher verborgen war und was man vermeintlich verpasst hat.
Doch auch diese Phase endet einmal und es wird alles zu viel. Die Informationsflut überrollt einen, man kann sie mental nicht mehr verarbeiten. Danach folgt oft der Rückzug, das Innehalten. Der Blick wendet sich nach innen – auf das, was wirklich wichtig ist: unsere eigenen Bedürfnisse, unsere eigenen Werte und Fragen, die wir haben.
Wer bin ich? Warum bin ich hier? Wo gehe ich hin?
Auf diesem Teil der Reise nach innen begegnen uns meist dann wieder unzählige Informationen, Methoden und spirituelle Angebote. Manche können hilfreich sein, andere lenken uns von unserem Weg ab. Entscheidend ist, es zu erkennen und zu lernen, zu unterscheiden. Auch hier gilt es, mit offenem Geist und gesunder Distanz hinzusehen und sich auszuprobieren. Wichtig ist dabei, bei sich zu bleiben und nur das mitzunehmen, was in diesem Moment zur eigenen Entwicklung passt. Und das wiederum sagt uns auch unser inneres Navigationssystem, sofern wir es aktiviert haben.
So beginnt ein neuer Fokus: weg von der Suche im Außen, hin zu innerer Stabilität. Wir begreifen, dass äußeres Wissen allein nicht reicht. Wir erkennen, dass wir uns nicht manipulieren lassen wollen – weder durch Angst noch durch Überinformation. Und das ist ein großer Schritt der Erkenntnis auf dem Weg ins eigene Erwachen.
Bedeutet das nun, die Welt im Außen komplett zu ignorieren? Nein. Auch das ist keine Lösung. Aber mit innerer Stabilität und gesunder Distanz können wir dem Geschehen deutlich gelassener begegnen. Nicht in Angst, nicht in Hoffnungslosigkeit – sondern klar, ruhig und stets aufmerksam. Indem wir in unserer Mitte bleiben – und uns jeden Tag ganz bewusst dafür entscheiden.
Du musst nicht alles auf einmal verstehen. Du musst nicht sofort alles sehen wollen. Aber wenn du merkst, dass da etwas ist – etwas, das sich nicht wegignorieren lässt –, dann lohnt es sich, hinzuschauen. Nicht aus Angst. Sondern mit einem festen Stand. Mit innerer Ruhe.
Und mit dem Vertrauen: Ich kann dem begegnen, was ist.